Mit Bravour durch den PKV-Hindernisparcours
Häufige Hürden beim Tarifwechsel nach § 204 VVG
Bestandskunden, die PKV-intern in einen preiswerteren Tarif wechseln wollen, um ihren Monatsbeitrag bei vergleichbaren Leistungen dreistellig zu senken, müssen oft einen Hindernisparcours absolvieren.
Warum? Weil keine der PKVs für gleichwertige Leistungen gerne auf 20 - 50% des Beitrags verzichtet. Dazu kommt, dass teure Tarife, wenn die jüngere, gesünderen Kunden in preiswertere Tarife wechseln, noch teurer werden, was zu weiteren Abgängen und einer Vergreisungsspirale in diesen Tarifen führt.
Außerdem entstehen, wenn Kunden auf Mehrleistungen im neuen Tarif verzichten, hybride Tarife mit Leistungen des neuen und des alten Tarifs, was bei Leistungsabrechnungen mehr Aufwand bedeutet.
Erfahren Sie, welche Tarifwechsel-Hürden aufgebaut werden, und warum Sie es ohne Unterstützung durch einen spezialisierten Experten schwer haben, mit Bravour durch den PKV-Parcours zu kommen.
Tarifwechsel durch Tarifselektion verhindern
Das größte und häufigste Hindernis ist die Tarifselektion im Sinne der PKV.
Auf Anfrage bekommen Kunden unter 60 Jahren oft zu hören, dass für sie keinen preiswerteren Tarifalternativen verfügbar seien.
Plan B: Es werden kaum günstigere, aber leistungsmäßig deutlich schlechtere Alternativen angeboten.
Plan C: Es werden (spätestens nach Berücksichtigung der höheren Selbstbeteiligung) nur teurere Alternativen angeboten, wodurch der Eindruck erweckt wird, dass es keine preiswerteren Tarife gibt.
Wenn bei über 60-Jährigen der Beitrag im aktuellen Tarif steigt, müsste der Kunde über gleichartige Alternativen (Tarife, die ebenfalls ambulant, stationär, ggfs. Zähne und Kur/Reha abdecken), die bei verständiger Würdigung seiner Interessen (Beitragssenkung) in Betracht kommen, informiert werden.
Dennoch wird oft gerade die preiswerteste Tarifalternative überhaupt nicht oder zumindest nicht in der unter dem Strich günstigsten SB-Stufe angeboten.
Die Allianz hat in den letzten Jahren den neuzugangsstärksten Tarif, der Ü60 bei Beitragssteigerung im aktuellen Tarif angeboten werden muss, in Abhängigkeit vom Ausgangstarif des Kunden variiert, so dass oft der Eindruck entsteht, dass keine preiswerteren Alternativen verfügbar sind.
Eine besonders perfide Variante der Selektion funktioniert wie folgt: Der Experte fragt z. B. die Preise von 5 Tarifen für den Kunden an. Die PKV erkennt die Vollmacht des Experten nicht an und schickt die Berechnungen deshalb direkt an den Kunden.
Der Kunde erhält aber z. B. nur 3 der 5 angefragten Berechnungen. Die Berechnungen für die beiden preiswertesten Tarife werden weggelassen, aber für 2 teurere, nicht angefragte Tarife dazu gepackt.
Der Kunde überfliegt die Angebote, denkt, dass der Experte auch nicht viel Ahnung hat und sagt diesem nur: "Da war nichts Interessantes dabei". Der im internen Tarifwechsel unerfahrene Makler gleicht die von ihm angefragten nicht mit den direkt an den Kunden gelieferten Berechnungen ab. Also bleibt alles beim Alten, zum Nachteil des Kunden.
Tarifwechsel ohne oder mit ungeeignetem Leistungsvergleich erschweren
Ein ebenfalls kaum überwindbares Hindernis ist das Fehlen eines anschaulichen Vergleichs aller Leistungsunterschiede zwischen dem aktuellen und den alternativen Tarifen.
Kunden erhalten von PKVs z. B. oft nur einzelne, sehr umfangreiche Leistungsbeschreibungen über viele Seiten, aber keine direkte Gegenüberstellung aller Tarife (etwa in den Spalten einer Tabelle).
Falls es eine Art Gegenüberstellung gibt, dann meist nur für die Kernleistungen der Tarife.
Was immer fehlt, ist eine Bewertung der jeweiligen Leistungen (z. B. mit Sternen), ohne die der Kunde die Relevanz der Vor- und Nachteile nur schwer greifen bzw. gegeneinander abwägen kann.
Was auch immer fehlt bzw. was nur spezialisierte Experten bieten können: Die persönliche Vorstellung des Vergleichs inkl. Erläuterung aller Fachbegriffe und die Beantwortung von individuellen Fragen.
Das Resultat ist häufig, dass Kunden sich im Alleingang nicht trauen, ihren Tarif zu wechseln, v. a. wenn noch die entsprechende Abwehr-Kommunikation dazukommt, siehe übernächster Punkt.
Tarifwechsel kalkulatorisch unattraktiv machen
Alternativen werden z. B. durch einen Nachlass auf den aktuellen Tarif, der in günstigeren Tarifen nicht oder zumindest nicht in derselben Höhe gewährt würde, rechnerisch unattraktiver gemacht.
Die Gothaer versucht mit extrem hohen Risikozuschlägen ("Wagniszuschlag"), die angefragten Tarife finanziell unattraktiv erscheinen zu lassen. Zudem erhält der Kunde die vom Experten angeforderten Tarife parallel zum oder sogar vor dem Experten. Hat der Kunde die "berechneten" Beiträge gesehen, hört er dem Experten nicht mehr zu und will auch nichts davon wissen, dass ein Mehrleistungsverzicht den Wagniszuschlag "wegzaubern" würde.
Tarifwechsel kommunikativ unattraktiv machen
Die Allianz gibt sich besonders Mühe, den Eindruck zu erwecken, dass günstiger gleich schlechter ist:
96% der Kunden behalten nach einer Beitragsanpassung ihren Versicherungsschutz unverändert bei. Wenn ... Sie die umfangreichen Leistungen ... beibehalten möchten, sind keine weiteren Schritte nötig. ... Ein Wechsel in einen preisgünstigeren Tarif ist in der Regel mit geringeren Leistungen verbunden.
Weitere, nicht wörtliche Beispiele unterschiedlicher Gesellschaften, mit denen verunsichert wird:
"Wechsel in Tarif mit schlechteren Leistungen bedeutet Gesundheitsprüfung, wenn in Zukunft wieder bessere Leistungen gewünscht werden." ist zwar richtig, aber wer verzichtet aus finanziellen Gründen bewusst auf Leistungen, um sie später wieder "hinzuzubuchen"?
"Wechsel in Unisex-Tarif bedeutet Gesundheitsprüfung" ist zwar wegen zumindest ambulant meist besserer Leistungen richtig, aber selbst wenn es nach Gesundheitsprüfung (= Kreuzchen, siehe oben) einen hohen Risikozuschlag geben sollte, kann dieser durch Mehrleistungsverzicht vermieden werden.
Zusätzlich zur Gesundheitsprüfung fordern z. B. ARAG und Generali manchmal Berichte vom Hausarzt und Zahnarzt.
"Wechsel in Unisex bedeutet, dass ein späterer Wechsel in den Standardtarif nicht mehr möglich ist", ist zwar richtig, aber nicht relevant, wenn es leistungsmäßig bessere Tarife gibt, die viel günstiger sind. Das Preis-Leistungsverhältnis des Standardtarifs ist schlecht und wird auch nicht besser werden.
Pauschale Aussagen sind ein Problem, es kommt auf den Einzelfall an. Aber wo ist die Unisex-Falle, wenn alle seit 15+ Jahren für Neukunden geschlossenen Bisex-Tarife einer PKV inzwischen teurer sind als die vergleichbaren Unisex-Tarife? Die Bisex-Preise erholen sich ja nicht auf wundersame Weise.
Auch durch Weglassen kann kommuniziert werden: So werden unerwünschte Wechsel (nicht nur von der Gothaer) häufig mit hohen Risikozuschlägen abgewehrt. Dass bei Verzicht auf die Mehrleistungen des beantragten Tarifs keinerlei Risikozuschlag erhoben würde, erwähnt keine der PKVs ungefragt.
Tarifwechsel behindern, indem der Prozess in die Länge gezogen wird
Anfragen zum Thema Tarifwechsel werden teilweise gar nicht bzw. erst auf mehrfaches Nachfassen nach Monaten bearbeitet.
Nachdem ein Tarifwechselantrag inklusive Beantwortung von Gesundheitsfragen (Ankreuzen von Ja oder Nein) gestellt ist, wird häufig mit zusätzlichen Anforderungen (ARAG, DKV, Gothaer, Hallesche), der sog. Nachbearbeitung, der Ball - durchaus auch mehrfach - zurückgespielt.
PKVs wissen, dass viele Kunden ihren Tarifwechselwunsch irgendwann resigniert aufgeben, wenn ihnen nur genügend Steine in den Weg gelegt werden.
Tarifwechsel durch Ignorieren von Gesetzen und Urteilen verhindern
Klassiker sind: "Dieser Tarif wird nicht mehr angeboten." und "Dieser Tarif ist bereits geschlossen.", was für Bestandskunden, die den Tarif PKV-intern wechseln wollen, keinerlei Relevanz hat.
Die Generali lehnt beantragte Tarifwechsel manchmal rechtswidrig ab:
Ein mit dem Ziel, das Prozedere abzukürzen, präventiv erklärter Mehrleistungsverzicht, etwa wenn wegen einer schweren Erkrankung klar ist, dass alles auf einen Mehrleistungsausschluss hinausläuft, wird selten akzeptieren, obwohl es sich um ein vertragliches Gestaltungsrecht des Kunden handelt. Aber dann würden ja die Hürden "Gesundheitsprüfung" und ggfs. auch die Arztberichte entfallen ...
Tarifwechsel im Alleingang oder besser mit Sherpa?
Die Verbraucherzentrale schreibt: Lassen Sie sich auf jeden Fall vorab gut beraten. Für den Laien ist der Tarifdschungel kaum zu durchblicken und Leistungen sind schwer zu vergleichen.

Aus unserer Sicht reichen die Kenntnis der preiswertesten Tarife und ein professioneller Tarifvergleich für erfolgreiche Tarifwechsel nicht aus.
Wichtige Informationen wie, wann der Tarif aufgelegt wurde, wann er ggfs. geschlossen wurde und wann die letzte Beitragsanpassung war sowie die Erfahrung, die Daten richtig zu interpretieren, fehlt.
Die Erfahrung, um abschätzen zu können, welche Auswirkungen die konkrete Tarifauswahl oder etwa ein Mehrleistungsverzicht auch für künftige Tarifwechsel haben, fehlt ebenfalls.
Je vorteilhafter eine Tarifalternative für Sie, desto größer der Beitragsverlust für Ihre PKV und desto zahlreicher und höher dementsprechend die Hürden.











